Team Wallraff ermittelt in Autobahn-Raststätten

Für seine neueste RTL-Enthüllungsreportage hat das „Team Wallraff" die Zustände in deutschen Raststätten recherchiert. Nach Hinweisen auf mangelnde Qualität und bei offensichtlich sehr hohen Preisen arbeiteten zwei Reporterinnen über einen Zeitraum von gut sieben Monaten immer wieder undercover in Restaurantbetrieben der Pächter der privaten Firma „Tank und Rast" am Rande der Autobahn.

Was sie dort beobachten, ist oft jenseits des guten Geschmacks: abgelaufene Ware, die wiederverwertet bzw. umettiketiert wird, Essen aus der Dose oder Tüte zu Preisen auf Restaurantniveau. Überwachungskameras, die eigentlich vor Diebstahl schützen sollen, werden anscheinend auch benutzt, um Angestellte zu kontrollieren. Testkäufer prüfen im Auftrag von „Tank und Rast" zudem immer wieder, ob die Anweisungen zu Zusatzverkäufen befolgt werden. Die Recherchen zeigen außerdem, wie die Pächter von Raststätten des privaten Betreibers „Tank und Rast" den offensichtlichen Preisdruck an ihre Kunden weitergeben. Ein repräsentativer, bundesweiter Preisvergleich zwischen privaten Autohöfen und „Tank und Rast"- Anlagen kommt zu dem Ergebnis, dass bei „Tank und Rast" die Snacks und Getränke um rund ein Drittel und Kraftstoffe zwischen 7 und 10 Prozent teurer sind.

390 und damit fast alle der Rastanlagen an deutschen Autobahnen sind im Besitz der privaten Firma „Tank und Rast" mit Sitz in Bonn. Doch über 95 Prozent der Raststätten betreibt „Tank und Rast" gar nicht selber, sondern lässt sie von selbstständigen Pächtern bewirtschaften. Das „Team Wallraff" interessiert sich für die 200 Pächter-Anlagen, die direkt von „Tank und Rast" gepachtet wurden, z. B. Axxe oder die Eigenmarken Serways mit Gusticus und Brotzeit. Die Reporterinnen Mira Ivan und Susett Kleine arbeiteten ab Anfang 2016undercover als Servicekraft in insgesamt fünf dieser Pachtbetriebe. Günter Wallraff selbst berät die beiden und testet in mehreren Raststätten Qualität und Preise der dort angebotenen Mahlzeiten. Zudem trifft er auf einen ehemaligen Pächter, der ihm Insider-Einblicke in das System „Tank und Rast" gibt. Beraten wird das „Team Wallraff" vom Lebensmittelkontrolleur Bernd Stumm, dem Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Sven Jürgens und dem Koch und Gastronomieberater Rene Kaplick.

Die Hamburger Tank- und Raststätten Stillhorn Ost und West direkt an der A1. Gleich am ersten Arbeitstag wird Undercover-Servicekraft Mira Ivan von ihren Kollegen auf die zahlreichen Überwachungskameras in der Raststätte hingewiesen. Die sollen eigentlich der Sicherheit der Mitarbeiter dienen, doch schnell entsteht bei der RTL-Reporterin der Eindruck, dass die Mitarbeiter unter Beobachtung ihrer Chefs stehen. Der Pächter streitet dies auf Anfrage ab, während der Arbeitsrechtler klarstellt, dass eine solche Rundum-Überwachung rechtlich bedenklich ist. Die Reporterin wird angehalten, Bockwürstchen zu verkaufen, obwohl sie darauf hinweist, dass deren Haltbarkeit seit drei Tagen abgelaufen ist. Sie erlebt, dass belegte Brötchen, die laut Vorschrift von Tank und Rast nach drei Stunden entsorgt werden müssen, nur neu belegt werden - ganz offenbar auf Anordnung des Pächters. Der 'neue' Belag ist oftmals ebenfalls abgelaufen - sogar Schinken, bei dem das Mindesthaltbarkeitsdatum seit zwei Wochen überschritten ist, soll weiter verwendet werden. Die Anweisung dafür, so die Kollegen, komme direkt vom Pächter. Um sicher vor Lebensmittelkontrollen zu sein, wird die Verpackung entsorgt und der abgelaufene Schinken in eine Vorratsbox gepackt. Eine echte Keimfalle, wie Lebensmittelkontrolleur Bernd Stumm erklärt.
Ähnliche Entdeckungen machte auch RTL-Reporterin Susett Kleine bei ihrem Undercover-Einsatz in der Raststätte Auerswalder Blick Nord in Chemnitz. Sie erlebt, wie Wurstbelag, der eigentlich entsorgt werden müsste, in eine Soljanka geschnitten und wiederverwertet wird. Obstnachtisch, der seit Tagen in der Theke steht, wird morgens umgeschüttet und mit Zuckerwasser übergossen. 'Frisch machen' nennen die Mitarbeiter diese Methode, die in ähnlicher Form z. B. auch bei Kartoffelsalaten angewendet wird. Dieser nachlässige Umgang mit leicht verderblicher Ware zieht sich wie ein roter Faden durch den Arbeitsalltag der RTL-Reporterin. Immer wieder sieht sie auch, wie Kolleginnen neue Labels auf Vorratsdosen kleben und das Einfülldatum damit manipulieren. Zudem wird sie, wie auch die zweite RTL-Reporterin, bei ihren Undercover- Einsätzen immer wieder angewiesen, möglichst viele Zusatzverkäufe zu tätigen, um den Umsatz zu steigern.

Die Pächter der Gastronomiebetriebe von Tank und Rast stehen scheinbar unter großem finanziellen Druck. Diesen Eindruck der Reporterinnen bestätigt im Gespräch mit Günter Wallraff der ehemalige Pächter Dr. Willi Habermeyer. Bis 2011 betrieb er vier Raststätten und ein Autobahnhotel, zudem war er lange Zeit Vorsitzender des Pächterverbands. Wer Pächter bei „Tank und Rast" ist, bekommt Beratung, Gebäude, Anlagen und Einrichtung gestellt und müsse monatlich rund 25 Prozent des Gesamtumsatzes nach Bonn abgeben. „Tank und Rast" stelle zudem das Kassensystem und habe damit direkten Einblick in die Umsätze. Die Pächter seien letztlich „wie Angestellte, nur ohne die rechtlichen Sicherheiten eines Angestellten", weil das unternehmerische Risiko bei Ihnen liege, so Dr. Habermeyer. „Tank und Rast" bestreitet dies auf RTL-Nachfrage und betont, die Pächter seien selbständige Unternehmer mit umfassenden unternehmerischen Freiheiten.
Wie der Kostendruck an die Kunden weitergegeben wird, offenbart sich der Reporterin Mira Ivan an der Raststätte Helmstedt, die von der „Tank und Rast"-Eigenmarke Gusticus geführt wird. Obwohl die laut eigener Website u. a. für Frische steht, findet die Reporterin vornehmlich Tüten, Dosen und Aufgewärmtes - serviert zu saftigen Preisen.

Um die Preisunterschiede zwischen privaten Autohöfen und Betrieben von „Tank und Rast" zu ermitteln, führt der Automobilclub 'Mobil in Deutschland e.V.' in Kooperation mit "Team Wallraff" einen umfassenden, bundesweiten Preisvergleichs-Test durch. Das Ergebnis: Bei Snacks und Getränken ist „Tank und Rast" im Durchschnitt fast 30 % teurer, bei den Kraftstoffen durchschnittlich zwischen 7 und 10 %. Alexander Ruscheinsky, Vorsitzender des Verbandes der Autohöfe, beklagt gegenüber "Team Wallraff", dass durch verwirrende Beschilderungen und eine geschickte Aufstellung der Preistürme die Autofahrer auf der Autobahn wenig verbraucherfreundlich an die teuren Raststätten gelockt werden.
Pikant dabei: Der Staat und damit auch die Steuerzahler finanzieren die "Tank und Rast"- Betriebe mit. Dem Staat gehören die Grundstücke, er kommt auch für zahlreiche Kosten, wie etwa Erschließung, Pflege und Reinigung und Bau von LKW-Parkplätzen auf. „Tank und Rast" kommt nur für ihr eigenes Betriebsgrundstück, die eigenen Gebäude dort, die direkten Zufahrten und PKW- Parkplätze auf. „Tank und Rast" selbst setzte 2014 rund 506 Mio. Euro um, davon gingen nur rund 3 Prozent, nämlich rund 15 Millionen, als Konzessionsabgabe an den Bund. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine personelle Verstrickung zwischen „Tank und Rast" und der Politik: Nicole Schreiber war vor 2011 die Büroleiterin des damaligen CSU-Generalsekretärs Alexander Dobrindt. Danach wechselte sie zu „Tank und Rast" und war dort für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Heute ist sie wieder bei Alexander Dobrindt - als persönliche Referentin des jetzigen Verkehrsministers.
Günter Wallraff: „Die Monopolstellung von Tank und Rast ist zum Schaden aller. Die Pächter stehen unter einem enormen Druck, den sie an die Beschäftigten und an die Kunden weitergeben. Die viel verbraucherfreundlicheren Autohöfe dagegen werden systematisch behindert und benachteiligt. Das Verkehrsministerium ist nun in der Pflicht seine Aufsichtspflicht auszuüben, um 18 Jahre nach der Privatisierung der Raststätten endlich einen fairen Wettbewerb an deutschen Autobahnen zu gewährleisten."

Umfassende Informationen zum bundesweiten Preisvergleichs-Test des Automobilclubs 'Mobil in Deutschland e.V.' in Zusammenarbeit mit "Team Wallraff" finden Sie in dieser Newsmeldung "Sparen an der Autobahn" oder unter www.mobil.org.

Foto: by Christoph Hardt (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

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